Skip to main content
Über die tragende Rolle _ Essay | 2009


ÜBER DIE TRAGENDE ROLLE

Interview





Sind wir im Bilde?

Nein. Lass uns über sie sprechen.  

Ja, die Erscheinung, die ist zumindest präsentabel. 

Sie scheint  überall präsent zu sein, aus deiner Sicht eine bedeutende Rolle zu spielen. Dein sujet préféré ?!

Ich habe sie vor Augen und im Sinn. Ich habe sie...wie sagt man so schön...auf dem Schirm.

Stars: All we ask for is the right to twinkle, habe ich kürzlich auf einem berühmten Arm gelesen... Da musste ich an sie denken. Als wie passend empfindest du das jüngste Bild?

Gibt es wahre und weniger wahre Portraits von ihr? 

Ansichtssache. 

Wie gut ist ihr Abbild? Das Bild von ihr zeigt sich als Maske, aber sie und die Maske, sie sind nicht auseinander zu halten... Ist nicht alles, was du vordergründig siehst, eine Maske? So wäre dies ein mögliches Bild von ihr.

Ja, das geht sich aus: Sie macht das Bild aus, und das Bild macht sie aus.

Du kannst sie als Zuschauer unbekannterweise nur über Äußerlichkeiten definieren... die das Innere zwar nicht ausschließen. Weiteres jedoch ist nur Interpretation, die du aus den Bildern der Erinnerung machst. Bist du ihr wirklich begegnet...

Aber du kennst sie! 

Wahrscheinlich. Ich kann sie nur aus meiner Perspektive beschreiben, als Form, die sich mir zeigt. 

Du willst Form und Inhalt trennen? Man könnte meinen, du wolltest dich aus der Affäre ziehen. 

Nein... Ich verteile Form und Inhalt nicht auf ausschließliche Weise. Die Maske ist nur eine Auswahl von Inhalten, die durch sie sichtbar und unsichtbar gemacht werden. Nichts mehr- oder minderwertiges. Hast du schon mal einen gesamten Inhalt auf einmal gesehen? 

Nein, aber, was ist das für ein Verhältnis? Du sprichst von ihr distanzvoll, wie von einer Fremden. Beziehst dich auf sie, gehst aber nicht wirklich auf sie ein. Ich weiß, daß Du deine Geheimnisse pflegst; man kann ja was für sich behalten, aber irgendwie kann das Gefühl  dann auch auf der Strecke bleiben.

Sie ist eine Fremde. Wenn ich mal meinte, ich würde mich bei ihr auskennen, dann unterläge ich tatsächlich einer Verwechslung mit der Phantasie. Mein Wissen über sie ist ein Phantasma. Nie werde ich wissen, wer sie ist. Manchmal erscheint sie nah, spricht mir zu und sie gefällt mir.  Manchmal ist sie hässlich und widert mich an, oder ich fange an, mich für ihre Hässlichkeit zu interessieren. Übrigens: das Gefühl muss hier nicht ausgesprochen werden, es kann an anderer Stelle Ausdruck finden, vielleicht zwischen den Zeilen... Ich beschäftige mich lange mit ihr, also kommt mir der auf sie gerichtete Blick vertraut vor, unabhängig davon in welcher Rolle sie erscheint. Manchmal kommt sie mir vor wie ein Kunstwerk, manchmal wie eine banale Fläche. Mit ihr weiß man nie so genau, woran man ist. Ein sich immer veränderndes Phänomen.

Das Ungreifbare. Ist es das, was dich an ihr fasziniert?

So ist das... mit der Prominenz. Sie erscheint für einen Moment begreifbar, da willst du sie fassen, und dann entschwindet ihr Bild, und sie kommt dir anders vor. Dass es so ist, ist eine grundlegende Sache, mit der es gilt zu verhandeln, wenn du sie sehen willst. Das ist Konditionssache. Du musst eben wissen, was du willst. Bedingung ist Training ist Eindeutigkeit abschminken und sich nicht ewig in Abstraktionen aufhalten. Manchmal hat man ja das Gefühl, nicht mehr zu wissen, worum es hier geht. Man hat den Faden verloren und hält ihn doch in der Hand. Es gibt schließlich das Konkrete, das Zeug, das fassbar ist. 

Jaja. Ich pendle neuerdings schon utopisch konstant dazwischen hin und her und versuche überall zu sein, ganz lässig, und behaupte, ich bin sportlicher geworden! Früher war mir ein Rapid Eye Movement mit offenen Augen schier unmöglich. Manchmal übernehme ich mich, aber das macht nichts, denn verkatert kann man manchmal klarer sehen. Sie, zum Beispiel, kannte ich lange nicht weil ich sie nicht erkennen konnte. Sie veränderte sich zu schnell für mich, so dass ich sie nicht wahrnehmen konnte, um mir ein Bild von ihr zu machen. Es ging vielen Anderen auch so. Irgendwann hat sie es aber doch geschafft, komplex gesehen zu werden. Wie kam es zu diesem Erfolg? 

Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Das Rampenlicht galt ausschließlich ihr und dennoch hatte sie einst kein anderes Sein als das der Illusion, des Irrtums; Einer Akkumulation ästhetischer Aspekte, die sie ausstellte. Sie stand immer im Weg, auch sich selbst, vor das Eigentliche gestellt. Aber das Wahre lag nicht unbedingt verborgen hinter ihr. Sie entschied sich für die Kontinuität und zeigte eine Vielfalt an Bildern, die zunächst nicht zusammenhängend schienen; sie bildete Reihen nach verschiedenen Systemen und Ordnungen, bis eine Kohärenz zu sehen war. Die Gesamtheit aller Zeichen wurde, wenn auch unsichtbar, immer spürbarer und so kam es dazu, dass die Erscheinung sich selbst genug wurde. 

Die Oberfläche kann für voll genommen werden? 

Solange man nicht ausschließlich auf sie fixiert ist, ja. 

Ist sie nicht verführerisch?

Ist das problematisch?

Verblendend vielleicht. 

Ach! Es liegt auch beim Rezipienten, ob und wie weit verführt wird, verführt werden wird. Es gibt ja sogar vorgesehene Erinnerungsreflexe an die Wahl. Erinnerung daran, daß gewählt werden kann, was gesehen werden will. Bevor deine Augen vertrocknen, werden deine Augen blinzeln. Das ist die Gelegenheit, deinen Blick zu wenden, nicht weiter sie zu fixieren, um Trugbildern zu entkommen, denn die Trugbilder bildest du selbst.

Die Möglichkeit der Täuschung liegt also nicht am Authentizitätsgrad des von mir perzipierten Objektes?

Dieses Theater um die Authentizität, die ich kaum aussprechen kann! Authentizität ist ein Begriff, der mir an dieser Stelle völlig unbrauchbar erscheint, außer du implizierst die Maskerade in die Authentizität, als ein unabdingbares Phänomen, ohne das das Authentische nicht bemerkbar wird. Das Eine kann ja doch nicht ohne das Andere existieren. Vielleicht befürchtest du einen Euphemismus, der hell über die Schatten scheint, Betrug? Einen Trompe- l‘ œil würdest du erkennen! Aber vielleicht ist hinter dem Schleier, hinter dem Sichtbaren ein Etwas, was gar nicht schattig ist. Nur weil es unsichtbar ist und ungewiss, muss es ja nicht düster sein, und wenn doch, dann ist es vielleicht auch gut, nur anders. Du verdirbst dir das ganze Spiel ohne den Nebel. Du kriegst zu sehen, was da ist. Was du davon siehst, hängt auch von deinen Vorstellungen ab, deinem Vermögen, von deinen inneren Bildern, Erwartungen, deinen Präferenzen, oder eben der Großzügigkeit deines Blickes. Wenn du dich aber nur nach deinen auswendigsten Wünschen orientierst, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass du enttäuscht wirst, denn nichts in der Welt ist kongruent mit deinem vorgestellten Bild. Erst wenn die Differenzen relevant werden, das Fremde bereichernd, wenn das Unerwartete undramatisch sein kann, dann ist der Abgrund kein hoffnungsloser Fall mehr.

Das klingt nach Happy End. Was keine Abgründe hat kann auch nicht glänzen!

Und nicht alles, was Abgründe hat, glänzt...

Da kann man sich ja gleich an dem entsprechenden Glanz orientieren. 

Ja, dem faltigen Glanz. Glanz in Falten. Je älter du wirst, desto faltiger wirst du... und deine Sicht. Und sie, sie wird auch faltiger. Meine Begleitung, meine Erscheinung, die mich widerspiegelt und in Frage stellt. 

Ist sie für dich eine Inspiration,  ein Bild vor dem Bild, vielleicht ein Vorbild?

Oder ich für sie? Einigen wir uns auf eine Wechselbildwirkung. Wir wollen gemeinsam reich und schön werden.

Liebst du sie? 

Ja. Ja, ganz und gar sogar.

Man rumort über eine Scheinbeziehung.

Naja, ich kann ja selbst manchmal Realität und Fiktion nicht unterscheiden. Aber es sieht so aus, als wären wir ein Paar. Ich habe sie nicht gefragt.

Published in Von Dritten Räumen, Textem Verlag 2010

Herausgegeben von Anna Lena Grau, Judith Henning, Pauline M’barek, Vanessa Nica Mueller, Sonja Vohland, Anna-Lena Wenzel 

"Die Publikation verknüpft theoretische und künstlerische Positionen, die den Begriff und das Konzept dritter Räume aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen und interpretieren. Die vielschichtigen Bild- und Textbeiträge konstruieren einen ineinander fließenden und sich gegenseitig beeinflussenden Raum, der sich klaren Zuschreibungen entzieht." ( www.textem.de/1968.0.html )

 Mit Beiträgen von Mareike Bernien & Kerstin Schroedinger, Julia Bonn, Mathias Rainer Büttner, Cameracartell, Katrin Connan, Emanuel Geisser & Stef Heidhues, Anna Lena Grau, Judith Henning & Amelie Hensel, Alexander Mayer & Christoph Rothmeier, Pauline M`barek, Vanessa Nica Mueller, Katharina Pethke, Radio Arthur, Johanna Reich, Therese Roth, Linn Schröder, Steffi Stangl, Nicola Torke & Franziska Nast, Sonja Vohland, Anna-Lena Wenzel, Lily Wittenburg und Jenni Zimmer